Stillen gegen Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

By | 23. März 2018

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, bei deren Entstehung die Zusammensetzung der Darmflora eine wesentliche Rolle spielt. Bereits im Säuglingsalter wird diese durch das Stillen stark beeinflusst. Amerikanische Wissenschaftler haben sich die in den letzten Jahren zu diesem Thema veröffentlichten Studien näher angesehen und kommen zu dem Schluss, dass Stillen das Risiko beider Erkrankungen erheblich herabsetzt [1].

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen breiten sich aus

Die Ursachen der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa lagen jahrelang im Dunkeln. Inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass sie durch genetische Faktoren, Umwelteinflüsse und eine gestörte Reaktion der Immunabwehr auf die Darmflora entstehen. Das könnte erklären, warum die in den westlichen Industrienationen weit verbreiteten Krankheiten in zunehmendem Maße in asiatischen Ländern auftreten, wo sie zuvor kaum bekannt waren.

Die Rolle der Darmflora

Immer mehr deutet darauf hin, dass den Bakterien des Magen-Darm-Traktes eine zentrale Rolle bei der Entstehung der CED zukommt [2]. Deren Gesamtheit in einem Menschen bezeichnen Wissenschaftler als Mikrobiom.

Ein ganzes Pfund davon muss das Immunsystem im Darm in Schach halten, damit eventuell auftretende Krankheitserreger keinen Schaden anrichten. Die meisten davon sind jedoch ganz friedlich und sogar wichtig für die Gesundheit. Sie bilden eine Reihe von Vitaminen und schließen viele Nahrungsmittel auf, die der Mensch sonst nicht verwerten könnte.

Die Umwelt beeinflusst die Zusammensetzung des Mikrobioms ganz erheblich, sodass es sich im Laufe des Lebens ständig verändert. Am instabilsten und am stärksten durch Einflüsse von außen gelenkt ist es im Säuglingsalter. Seine ersten Darmbakterien erhält ein zuvor in der Gebärmutter keimfrei herangewachsenes Neugeborenes durch den Kontakt mit seiner Mutter.

Muttermilch beugt Erkrankungen vor

Einer der ersten wesentlichen Umwelteinflüsse eines Kindes ist die Muttermilch. Sie verhindert eine ganze Reihe von Erkrankungen. Antikörper der Muttermilch schützen den Säugling vor Infektionen, gegen die er noch keine Immunität aufbauen konnte. Auch ein vermindertes Risiko für Diabetes [3] und rheumatoide Arthritis [4] wird diskutiert.

Darüber hinaus beeinflusst die Muttermilch die Zusammensetzung des Mikrobioms maßgeblich. Sie sorgt für das Heranwachsen einer Darmflora, die reich an Gram-positiven Aktinobakterien und Firmicutes ist [5].

Mit Ersatznahrung gefütterte Kinder haben wesentlich mehr Bakterien wie Peptostreptococcus und Clostridium im Darm, auf die der Körper mit allergischen Reaktionen antwortet [6]. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass das auch zur Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) mit beiträgt.

Weitere Daten lassen darauf schließen, dass ähnliches auch für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gilt. Daher steht zu vermuten, dass ein bereits in der Kindheit gestörtes Mikrobiom wesentlichen Einfluss auf die Entstehung der CED hat [7].

Die Metaanalyse von Studiendaten zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Wissenschaftler der Harvard Medical School und des Massachusetts General Hospital in Boston haben sich mit internationalen Kollegen die Studien der vergangenen Jahre zum Thema Stillen und CED näher angeschaut. Wissenschaftlich bezeichnet man eine solche Betrachtung unter veränderten Fragestellungen als Metaanalyse. Dabei wollten sie folgende Sachverhalte klären:

  1. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Stillen und CED?
  2. Beeinflusst die Dauer der Stillzeit das Auftreten von CED?
  3. Spielen ethnische und geographische Faktoren bei einem solchen Zusammenhang eine Rolle?

Insgesamt haben die Forscher 35 Studien zwischen 1961 und 2016 nach den neuen Kriterien ausgewertet. Dabei handelte es sich um 7.536 Patienten mit Morbus Crohn, 7.353 mit Colitis ulcerosa und 330.222 Kontrollpersonen [1].

Das Ergebnis

Die Reanalyse zeigte einen klaren Zusammenhang zwischen dem Stillen und einem verminderten Risiko, an einer CED zu erkranken. Diese Beziehung traf auf alle Ethnizitäten zu, wobei eine solche Schutzfunktion bei Asiaten deutlicher ausgeprägt war als bei Kaukasiern.

Zudem erwies sich der Schutz vor einer Erkrankung als umso besser, je länger die Stillzeit war. Kinder, die mindestens ein Jahr gestillt wurden, hatten ein wesentlich geringeres Risiko als solche, die nur drei oder sechs Monate Muttermilch erhielten.

Was bringt die Zukunft?

Nachdem die Metaanalyse einen derart klaren Zusammenhang zwischen Stillzeit und vermindertem Erkrankungsrisiko nachgewiesen hat, muss man als nächstes den Einfluss der Muttermilch auf das kindliche Mikrobiom und auf das in Entstehung begriffene Immunsystem genauer untersuchen. Das ist besonders interessant im Hinblick auf die Frage, wie lange man als Mutter den Nachwuchs stillen sollte.

Eigentlich steht fast zu erwarten, dass ein solch positiver Einfluss auf das Immunsystem nicht nur das Risiko von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa vermindert, sondern viele weitere positive Auswirkungen hat.

Besprochene Publikation:

  1. Xu L, Lochhead P, Ko Y, Claggett B, Leong RW, Ananthakrishnan AN:
    Systematic review with meta-analysis: breastfeeding and the risk of Crohn’s disease and ulcerative colitis.
    Aliment Pharmacol Ther. 2017 Nov;46(9):780-789. doi: 10.1111/apt.14291. Epub 2017 Sep 11. Review.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Molodecky NA, Soon IS, Rabi DM, Ghali WA, Ferris M, Chernoff G, Benchimol EI, Panaccione R, Ghosh S, Barkema HW, Kaplan GG.
    Increasing incidence and prevalence of the inflammatory bowel diseases with time, based on systematic review.
    Gastroenterology. 2012 Jan;142(1):46-54.e42; quiz e30. doi: 10.1053/j.gastro.2011.10.001. Epub 2011 Oct 14. Review.
  1. Pieścik-Lech M, Chmielewska A, Shamir R, Szajewska H.
    Systematic Review: Early Infant Feeding and the Risk of Type 1 Diabetes.
    J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2017 Mar;64(3):454-459. doi: 10.1097/MPG.0000000000001293. Review.
  1. Chen H, Wang J, Zhou W, Yin H, Wang M.
    Breastfeeding and Risk of Rheumatoid Arthritis: A Systematic Review and Metaanalysis.
    J Rheumatol. 2015 Sep;42(9):1563-9. doi: 10.3899/jrheum.150195. Epub 2015 Jul 15. Review.
  1. Penders J, Thijs C, Vink C, Stelma FF, Snijders B, Kummeling I, van den Brandt PA, Stobberingh EE.
    Factors influencing the composition of the intestinal microbiota in early infancy.
    Pediatrics. 2006 Aug;118(2):511-21.
  1. Kashtanova DA, Popenko AS, Tkacheva ON, Tyakht AB, Alexeev DG, Boytsov SA.
    Association between the gut microbiota and diet: Fetal life, early childhood, and further life.
    Nutrition. 2016 Jun;32(6):620-7. doi: 10.1016/j.nut.2015.12.037. Epub 2015 Dec 31. Review.
  1. Lozupone CA, Stombaugh JI, Gordon JI, Jansson JK, Knight R.
    Diversity, stability and resilience of the human gut microbiota.
    Nature. 2012 Sep 13;489(7415):220-30. doi: 10.1038/nature11550. Review.
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